01.05.2026
Serie: Schmerzen verstehen - Teil 3
Aus dem Buch: Schmerzen verstehen
Autoren: David Butler, Lorimer Moseley
ISBN: 978-3-662-48657-3 / 3. Auflage
Springer Verlag
Als chronische Schmerzen bezeichnet man definitionsgemäss Schmerzen, welche seit mehr als 3 – 6 Monaten immer wieder auftreten. Es ist zuallererst wichtig zu unterscheiden, ob die Schmerzen ihre Ursachen in geschädigten Geweben oder einer Sensibilisierung des zentralen Nervensystems haben. Das heisst, jeder anhaltende Schmerzzustand muss von einem Arzt untersucht werden. Die heutige Medizin ist sehr effektiv in der Diagnose von gefährlichen aber selten vorkommenden Erkrankungen.
Wenn Sie einen Gewebeschaden oder Erkrankung ausschliessen können und dennoch unter anhaltenden Schmerzen leiden oder die verschriebenen Therapien nicht wirksam sind, könnte eine Sensibilisierung des zentralen Nervensystems vorliegen. Um herauszufinden, ob so ein überaktives Nervensystem an den Schmerzen beteilig ist, kann es hilfreich sein, die mit der individuellen Situation verbundenen Symptome zu unterscheiden und zu verstehen.
Hier finden Sie einige Symptome, die häufig durch ein sensibilisiertes Nervensystem auftreten:
- Der Schmerz hält länger als die übliche Heilungszeit der betroffenen Gewebe an
- Der Schmerz weitet sich aus oder “wandert” im Körper herum
- Der Schmerz lässt dich durch Gedanken oder Gefühlen beeinflussen. Zum Beispiel: wenn es mir gut geht oder ich entspannt bin ist er weniger stark. Wenn ich schlecht drauf bin oder gestresst bin, ist er stärker.
- Der Schmerz verschlimmert sich, auch wenn Sie nur an eine auslösende Situation denken
- Viele Bewegungen tun weh
- Das Auftreten kann unberechenbar sein und es scheint, als hätte der Schmerz ein Eigenleben
Nach einer Aktivität kommt vielleicht zuerst eine schmerzfreie Periode, bevor es dann wieder los geht. Möglicherweise gibt es Verzögerungen um Stunden oder sogar Tage. Diese Verzögerung kommt bei geschädigtem Gewebe - wie beispielsweise bei einem Muskelfaserriss - nicht vor und ist ein charakteristisches Merkmal für ein sensibilisiertes Alarmsystem.
Wenn sich die Schmerzen so darstellen, sind die zugrundeliegenden Prozesse wahrscheinlich nicht hauptsächlich in den Geweben zu finden, sondern überwiegend im Nervensystem und im Gehirn.
Was kann ich nun gegen anhaltende Schmerzen tun?
Indem Sie sich über Schmerzen Informieren, haben Sie eigentlich schon einen wesentlichen Schritt in deren Bewältigung gemacht. Denn Schmerzedukation – also das Lernen was Schmerz ist und wie er funktioniert – ist ein wichtiger Bestandteil, um einen Einfluss darauf nehmen zu können. Man kann es so erklären: Wenn nachvollziehbar wird, wie Schmerzen entstehen und warum sie manchmal bestehen bleiben, werden sie nicht mehr als unkontrollierbares Schicksal, sondern als ein veränderbares Geschehen erlebt. Und durch ein verbessertes Verständnis der Schmerzbiologie werden sogenannte “tiefergreifende Lernprozesse” gefördert. Dadurch werden Informationen gespeichert, verstanden und somit Verfügbar gemacht, sodass sie bei aufkommenden Problemen angewendet werden können. Nur einfach zu lernen, was zu tun ist, ohne zu lernen warum, ist wenig wirkungsvoll. Hierbei werden zwar Informationen erinnert, aber nicht verstanden oder nicht in bestehende Überzeugungen integriert. Damit lässt sich also erklären, warum das Verstehen ein Schlüsselelement ist, um Einfluss auf Schmerzen nehmen zu können. Wenn sie also den Verdacht haben, ihre Schmerzen könnten aufgrund eines sensibilisierten Nervensystems aufrechterhalten werden, dann versuchen Sie so viel über Schmerzen zu lernen und zu verstehen, wie Sie können - auch was sie verursacht und nicht nur, was Sie dagegen tun sollten. Es gibt mittlerweile zahlreiche gut recherchierte Literatur zum Thema Schmerzen, also warum nicht mal ein ansprechendes Buch zum Thema lesen?
Im zweiten Teil dieser Serie wurden auch diverse Mechanismen veranschaulicht, welche einen erheblichen Einfluss auf die Aufrechterhaltung und Verstärkung von Schmerzen haben können. Auf einige beeinflussbare Faktoren wollen wir deshalb hier eingehen.
Beginnen wir mit einem wichtigen und oft unterschätzten Faktor bei Schmerzen, dem autonomen Nervensystem.
Bei chronischen Schmerzen und chronischem Stress, sind normalerweise anhaltend erhöhte Adrenalinwerte messbar. In diesem Zusammenhang wurde in der letzten Serie die Wirkungsweise des autonomen Nervensystems – Sympathikus und Parasympathikus- ausführlich erklärt. Es ist demnach hilfreich, dass gestresste und von Schmerzen geplagte Menschen wieder erlernen in den schützenden, ruhigen parasympathischen Zustand umzuschalten wann immer möglich. Das parasympathische System ist während des Schlafens, einer Entspannung oder Meditation aktiver. Gestörter Schlaf, Schlaflosigkeit in der Nacht und Schläfrigkeit am Tag, können deshalb alle zu einer schlechten Gesundheit und zusätzlicher Empfindlichkeit der Gewebe beitragen. Nicht ausreichender Schlaf bedeutet, dass laufende Reparaturen nur unzureichend ausgeführt werden können. Das ist Grund genug dafür, dem parasympathischen Nervensystem mit Hilfe von über den Tag verteilten Entspannungs- oder Meditationspausen eine Chance zu geben, die Gewebe beim Wiederauffüllen der Energiespeicher und bei Reparaturen zu unterstützen. Auch sind generell Unterstützung und Wertschätzung im Leben vermutlich hilfreich, um dem sympathischen Nervensystem einen Dämpfer zu verleihen. Zentrale Bedeutung zur Sympathikusdämpfung, kommt interessanterweise auch dem sogenannten Coping zu.
Coping bezeichnet die Fähigkeit, Probleme, von denen wir uns stressen lassen – und somit den Sympathikus aktivieren- zu erkennen, sie zu bearbeiten und zu überwinden. Wir alle haben hier unterschiedliche Stärken und Schwächen. Aber eine Sache ist sicher, wir können alle unsere Coping-Fähigkeiten verbessern. Und das Gute dabei ist: Coping-Strategien können erlernt werden. Aber lassen Sie uns zuerst die Hintergründe dazu beleuchten, um zu verstehen, warum Problembewältigung so hilfreich bei Schmerzen sein kann.
Bei chronischen Schmerzen geht unser Gehirn davon aus, dass weiterhin eine Bedrohung für den Körper besteht. Sind jedoch nicht(mehr) die Gewebe die Ursache der Schmerzen, stellt sich nun die Frage: welche Bedrohungen registriert unser Gehirn dann eigentlich noch? Vereinfacht gesagt, handelt es sich hierbei um Reize in Form von Gedanken, Emotionen und daraus resultierenden biologischen Veränderungen im Körper. Das tückische daran: diese Reize können sich unserem Bewusstsein entziehen und sind deshalb manchmal schwer zu erkennen. Das heisst auch, solange uns diese Reize nicht bewusst sind, können wir sie auch nicht loswerden. An dieser Stelle einen kleinen Tipp: Emotionen welche sehr häufig als solche “versteckten” Reize verantwortlich sind, sind Ängste und Sorgen. Denn sie aktivieren dauerhaft den Sympathikus und tragen somit erheblich dazu bei, dass unser Gehirn in Alarmbereitschaft gerät und für den Körper eine Bedrohung registriert. Meist fühlen wir uns bei Sorgen und Ängsten verkrampft oder angespannt, manchmal nehmen wir unsere Umwelt auch als bedrohlicher wahr als sonst. Vermutlich können Sie dann direkt beobachten, welche Auswirkungen verschiedene Gedanken und Emotionen auf Ihr Schmerzempfinden haben. Verschiedene Achtsamkeitsübungen zielen darauf ab, solche Emotionen wahrzunehmen, ohne diese zu bewerten. So kann dann auch geübt werden, diese Emotionen anzuerkennen und ihren Bedrohungswert dadurch abzuschwächen.
Es gibt durchaus bewährte Ansätze, welche sich als nützlich erwiesen haben. Dazu zählen unter anderem:
- Achtsamkeitstraining (auch “Mindfulness” oder “MBSR” Kurse genannt)
- Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
- Problemlösungstraining
- Pain Reprocessing Therapy (PRT)
Diese Ansätze verfolgen das gemeinsame Ziel, den Bedrohungswert von Reizen zu reduzieren und können somit die körperlichen, emotionalen und gedanklichen Reaktionen auf Schmerz günstig beeinflussen. Nicht jede Strategie passt für jede Person – entscheidend ist ein individueller Plan, welcher auch im Alltag für Sie umsetzbar ist. Man kann sich heutzutage zu den verschiedenen Therapien im Internet informieren, um zu entscheiden was für einem in Frage kommt.
Die Rolle von aktivem und passivem Verhalten
Es gibt die verschiedensten passiven und aktiven Strategien, mit deren Hilfe Menschen versuchen, mit Problemen umzugehen. Viele wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass Personen, die sich Herausforderungen aktiv stellen, mit Ihren Schmerzen und vielen anderen gesundheitlichen Beschwerden besser zurechtkommen als Menschen, die sich in Problemsituationen passiv verhalten.
Aktive Bewältigungsstrategien könnten sein:
- Sich über das Problem informieren und es zu verstehen (und je nachdem auch mutig und ehrlich darauf zu reagieren)
- Verschiedene Bewegungsmöglichkeiten auszuprobieren und Dinge auf unterschiedliche Art und Weise zu tun
- Die Schmerzgrenzen auszuloten – sie nicht komplett zu vermeiden aber auch nicht zu ignorieren
- Sich eine positive Einstellung bewahren
- Pläne machen, sich kleine, erreichbare Ziele setzten und langsam darauf hinarbeiten
- Längerfristige und grössere Ziele setzen und nicht die Geduld verlieren
- Sich Hilfe und Unterstützung holen
Passive Bewältigungsstrategien können sein:
- Aktivitäten und alles, was Schmerzen verursachen könnte, vermeiden
- Nichts tun
- Darauf warten, dass etwas passiert
- Darauf warten, dass jemand anderes die Lösung für das Problem findet (die richtige Person, um das Problem zu lösen, sind Sie selber)
Sie sehen, Schmerz ist eine sehr individuelle Erfahrung und der Weg da raus erfordert einiges an Eigeninitiative. Aus diesem Grund gibt es kein allgemeingültiges Therapiekonzept, das für alle Betroffenen gleichermaßen passt. Auch ist es sinnvoll eine allmähliche Steigerung der Aktivitäten oder Übungen anzustreben, da ein überaktives Nervensystem nur allmählich lernt mit den neuen Erfahrungen umzugehen. Aber grundsätzlich gilt, dass ein interdisziplinärer Ansatz, der medizinische, therapeutische und psychologische Kompetenzen verbindet, die besten Voraussetzungen bietet, um Menschen mit anhaltenden Schmerzen wirksam zu unterstützen.